Lesebrille.



So ziemlich jeder Brillenträger kann - ab einem gewissen Dioptrienwert - nachempfinden, wie es ist, morgens aufzuwachen. Augen auf und der erste Griff geht neben das Bett und tastet mehr oder weniger treffsicher nach der Brille. Mit der Sehhilfe auf der Nase werden Umrisse deutlicher und Gegenstände erkennbar. Und so ziemlich jeder hat schon die Erfahrung gemacht, wie es ist, durch die Brille von jemand Anderem zu sehen, dessen Dioptrienwert stark von dem eigenen abweicht. Brille ist nicht gleich Brille. Viel hilft da nicht immer und jedem viel. Es kommt auf den Mensch an – es kommt auf den Schliff an.

Als Kind hatte ich einmal ein Buch, zu dem es eine Schablone, einen Decodierer gab. Erst, als man die Schablone, im richtigen Winkel auf ein nicht entzifferbares Geschreibsel hielt, kam ein klarer Text, ein Bild eine Botschaft zum Vorschein - wodurch nach und nach der Bösewicht enttarnt werden konnte, das geheime Rätsel gelüftet werden oder der wertvolle Schatz gefunden werden konnte.

Meine Brille ist mein Decodierer für mein Buch meines Lebens. Schlage ich mein Buch auf und lese oder schreibe ich darin – eröffnen sich neben den Buchstaben, neben dem Text noch Bilder, Töne, Melodien, Gerüche, Geschmäcker, Emotionen, Empfindungen. Mein Buch wird lebendig. Spürbar. Fühlbar. Es erwacht zum Leben.

Das Gleiche geschieht, wenn du in meinem Buch liest – mit Deiner Brille. Der Text bleibt der Gleiche. Das Beschriebene, das Erzählte und das zu Papier gebrachte, dasselbe. Nur die Betrachtungsweise, die Interpretation, die Empfindungen – entstehen durch Deine Brille – es sind Deine – nicht meine.

Hier ein paar Pflege und Gebrauchsanweisungen für unsere Brillen.

1. Regelmäßiger Besuch beim Optiker.
Wodurch bekam meine Brille den Schliff, den sie jetzt hat? Welche Erfahrungen haben mich geprägt? Welche Werte habe ich für mich definiert? Macht es Sinn, Erfahrungen loszulassen? Werte zu überprüfen? Den Schliff zu verstärken? Mehr auf meine eignen Werte zu achten und Grenzen zu setzen, um dadurch klarer sehen zu können? Mein Schliff. Meine Werte. Nachjustieren. Individuell sein.

2. Bewusst sein. Meine Brille. Deine Brille. Keine Brille.
Wenn ich mir darüber bewusst bin, dass jeder Mensch seine eigene Brille hat. Seine eigene Geschichte geschrieben hat und durch seine Werte zu seinem individuellen Schliff gekommen ist – kann ich mir kein Urteil, keine Bewertung über das Geschriebene in seinem Buch des Lebens machen. Ich kann mir bewusst sein, dass ich das durch meine Brille lese – und meine Brille abnehmen und wahrnehmen. Jeder sieht die Welt durch seine Brille.

3. Empathie. Nachempfinden können. Perspektivwechsel.
Will ich den anderen verstehen, nachempfinden können, was er fühlt, mich in seine Lage, seine Situation versetzen muss ich meine Brille ablegen und denjenigen darum bitten, mir aus seinem Buch vorzulesen. Mir - durch seine Brille gelesen - seine Welt beschreiben lassen, erzählen lassen. Ich muss ihn fragen, nach seinen Empfindungen, seinen Gerüchen, seiner Musik. Ohne Bewertung.

4. Toleranz. Bunt statt schwarz-weiß.
Weder meine Brille sieht die Welt so, wie sie ist, noch sieht Deine Brille die Welt so, wie sie ist. Nicht meine Brille ist die einzig Richtige, noch ist das Deine. Die Welt ist nicht weiß oder schwarz, richtig oder falsch, langsam oder schnell, hell oder dunkel. Sowohl als auch - statt entweder oder.

Die Welt ist bunt. Vierdimensional. Voll von wunderbaren Unterschieden. Lasst uns entdecken und staunen. Forschen und erzählen. Still sein. Wir sein. Eins sein. Ergriffen sein. Spüren und dankbar sein.

(c) Sabine Schmeller für fan-manufaktur - Das WIR zukunftsbefähigen. Die Organisation für Unternehmensexzellenz.