Begeisterung zündet nicht bei jedem - wieso eigentlich nicht? Und was hilft hier?



Ein beliebter Irrtum, der uns allen immer wieder passiert: Wir glauben, dass die Dinge, die uns selbst begeistern und die bei uns herrlich leidenschaftliche Gefühle hervorrufen, dass diese bei anderen Menschen dieselben Glücksmomenten und die gleiche Euphorie auslösen müssen.

Andere sind von anderem begeistert. Öfter als uns lieb ist.

Beginnen wir doch mal mit einem Thema, das (fast) jeden zu begeistern scheint, der Musik. In der Tat finden sich hier nicht nur an den Wochenenden – weltweit! - in riesigen Stadien, vor beeindruckend großen Open-Air-Bühnen und in den Eventhallen zigtausende Musikfans bei Konzerten ein und sie sind happy, Lieblingssongs wie Lieblings-Band auf der Bühne leibhaftig erleben zu dürfen - und dieses auch noch als Gemeinschaftserlebnis mit Gleichgesinnten erleben zu können.

Doch trotz dieser Millionen von Konzertbesuchern wird es möglicherweise ebenso viele Menschen geben, die mit Musik nicht so sonderlich viel anzufangen wissen und denen Fahrstuhlmusik als Geräuschkulisse durchaus ausreicht, um sich nicht einsam zu fühlen.

Was den einen begeistert, lässt den anderen kalt oder törnt ihn möglicherweise sogar ab.

Nehmen wir doch mal unsere Helene Fischer.
Helene begeistert Millionen, Helene ist megaerfolgreich und Helene gilt als deutscher Superstar. Aber begeistert Helene wirklich jeden? Nein, tut sie nicht. Wer auf tiefgründige Texte steht, wer Jazz mag, bei dem existentielle Themen - das echte Leben eben - thematisiert werden, der kann mit den Helene-Fischer-Schlagern kaum etwas anfangen. Auch wer auf Heavy Metall steht, dürfte sich nicht sonderlich über eine Helene-F-Konzertkarte freuen.

Wofür Du Dich begeisterst, zeigt wer Du bist!

Was lernen wir daraus? Es kommt darauf an, wer Du bist, welche Werte Du hast, welche innere Haltung bei Dir eine Rolle spielt, welche Lebensmotive Du hast… um mit Begeisterung etwas mit anderen teilen zu können – oder eben auch nicht.

Das Alter spielt keine Rolle, es sei denn Du bist ein Käse (oder es geht um kulturelle Erfahrungen.

Mitunter macht auch einfach nur das Geburtsdatum den Unterschied. 80er Jahre-Hits lösen eher bei denen Entzücken aus, die diese Zeit miterlebt haben, die in den 80er Jahren in den Discos tanzten (es gab damals noch keine coole Club-Szene wie heute), die sich damals ver- und wieder entliebten und die damals mittendrin und dabei waren. Wer in den 90er Jahren geboren wurde, wird bei Spotify wahrscheinlich andere Songs anwählen und in Clubs zu anderer Musik tanzen.

Mit anderen Worten: Es gibt im Grunde kaum etwas, das jeden begeistert. Wahrscheinlich begeistert nichts auf dieser Welt jeden.

In einem Museum sah ich einst ein Bild, das mit Enthusiasmus als „das wichtigste Bild der Ausstellung“ angepriesen wurde. Ich stand ziemlich verdutzt und ausgesprochen ratlos davor, sah ich doch nichts anders als ein langweiliges Bild auf dem ein Musik-Corps lose auf einem Rasen herumstand. Ehrlich: Ich fand dieses Bild nicht in Spurenelementen interessant, es zog mich nicht in den Bann, ich fand es belanglos.

Bildung hilft Begeisterung zu schüren!

Weshalb aber nun diese interessante Diskrepanz zwischen der positiven Einschätzung der Kuratoren und mir, der fleißigen Museumsbesucherin?

Es war schlichtweg mangelndes Wissen meinerseits. Der Maler hatte damals erstmals ein Gesetz gebrochen. Ein Corps hatte früher in Reih und Glied zu stehen. Geordnet. Akkurat. Und nicht locker vom Hocker.. irgendwie lose verteilt auf einem Rasen. Das kam damals einer Revolution gleich. Und es begann damit eine neue Ära. Ein neues Verständnis. Eine neue Offenheit.

Für Begeisterung braucht man Wissen.

Ein schönes anderes Beispiel ist hier der Sport. Viele halten Boxen für einen dummen Sport. Oder für einen Sport, der auf Dauer dumm macht. Dachte ich auch mal. Bis ich lernte, die Gesetze dieses Sports zu verstehen. Dank zweier vorzüglicher Box-Reporter, der eine war der wunderbare Kabarettist, Sänger und Autor, der Österreicher Werner Schneyder. Mit dem neuen Verstehen und dem frischen Wissen um die Geheimnisse des Boxsportes, kam bei mir erst die Achtung und später dann auch bei dem einen oder anderen Kampf die Begeisterung.

Für Begeisterung braucht es Hintergründe.

Und welche Begeisterung löst der sensationelle Box-Kampf zwischen Foreman und Ali aus dem Jahre 1974 bis heute aus! Als der legendäre Muhammad Ali den Meister aller Klassen, George Foreman, auf die Bretter schickte!

Mehr als 40 Jahre danach ist dieser Kampf immer noch Inspiration für sehr viele Menschen. Zum einen was das Thema Zielerreichung („Niemals aufgeben!“, „Das Unmögliche schaffen!“) angeht, zum anderen ist dieser Kampf mit all seinen Rahmenbedingungen die Grundlage für intensive und lehrreiche Taktik- und Strategie-Workshops für Manager.

Dieser Jahrhundertkampf wirkt bis heute und begeistert bis heute. Aber nur dann, wenn man ihn versteht. Wenn man die Hintergründe, die Umstände, die Ausgangslage beider Boxer kennt. Wenn man diesen außergewöhnlichen Fight nachvollziehen kann.

Wer die Umstände nicht kennt, dem bleibt Begeisterung oftmals versagt.

Ob wir uns für etwas begeistern, hängt auch sehr von den Werten ab, für die wir stehen, die wir leben, die uns als Persönlichkeit ausmachen.

Präzise Chirurgie und virtuoses ärztliches Können begeistern bestimmt fast alle Menschen, werden hier doch unter den heikelsten Umständen Menschenleben gerettet oder auch körperliche Beweglichkeit wie von Zauberhand wiederhergestellt.

Unser kultureller Hintergrund macht oft den Unterschied.

Ob nun auch die Schönheits-Chirurgie bei jedem Begeisterung auslöst, ist dagegen eher fraglich. Sie ist sicherlich ein Segen für Unfallopfer, aber ist sie auch ein Gewinn für die vielen unsicheren Menschen oder die Narzissten, die sich damit etwas im Außen erhoffen, was sie doch im Inneren entwickeln müssten (sich zu akzeptieren und zu lieben, beispielsweise)?

Hier spielen kulturelle Unterschiede vielfach eine erhebliche Rolle. In meinem Bekanntenkreis gibt es jede Menge Osteuropäerinnen, für die Brustvergrößerungen im zarten Alter von 20plus normal sind, die sich mit 30 das Gesicht mit Hyaluron verjüngen lassen und das Bild Arzt & Spritze als „Live-Selfie“ unter die Freunde versenden und viele 40jährige, die den Mut hatten, sich liften zu lassen.

Bei mir lösen diese Verschönerungs-Maßnahmen nie Begeisterung aus, stehen doch meine eigenen Werte (Inhalt geht vor Form, kluge Gedanken bedeuten mir sehr viel, ein „perfektes“ Äußeres“ dagegen wenig, Charisma kann man sich nicht beim Beauty-Doc abholen… ) dem entgegen.

Die Frauen aus Osteuropa wachsen jedoch in Sachen Selbst-Optimierung einfach anders auf. Es gehört offensichtlich sehr zu ihrer Kultur, als Frau möglichst perfekt aussehen zu müssen. Da ist der Gang zum Beauty-Doc auch ein Status-Ding und keine Peinlichkeit. So begeistert sie von ihren Beauty-Treatments schwärmen, so sehr muss ich darüber staunen. Argumentieren, wer hier recht hat, bringt übrigens rein gar nichts. Denn meine persönliche Begeisterung für den natürlichen Look, langweilt hier nur alle.

Beim Kultur-Clash helfen Humor und Akzeptanz.

Wenn so gegensätzliche Ideale (Natürlichkeit versus Künstlichkeit) aufeinandertreffen, hilft es wenig, diese auszudiskutieren, weil es hier nie um die Sache an sich geht, stattdessen um die Werte, die wir Menschen leben und die wir vertreten.

Es ist wirklich nicht immer einfach, Begeisterung mit anderen teilen zu können, denn wir sind einfach als Menschen viel zu verschieden.

Alter, Bildung, Erfahrungen, kultureller Hintergrund, Werte…
all das spielt eine erhebliche Rolle, ob wir etwas lieben oder ablehnen, ob unser Herz höher schlägt oder uns etwas gleichgültig lässt.

Von daher:
Wenn wir mit anderen zusammen etwas mit Begeisterung schaffen, machen und erreichen wollen, dann müssen wir zuvor erst einmal checken:
- wer wir selbst und wer die anderen sind
- was wir und was sie mögen
- womit sich bei uns und womit sich bei ihnen das Feuer entfachen lässt.

Über die bedeutende Rolle der Lebensmotive, wenn wir Begeisterung schaffen wollen, gibt es im nächsten Blog zu lesen.


©Silke Samel für fan-manufaktur - Das WIR zukunftsbefähigen. Die Organisation für Unternehmensexzellenz.